Wann gibt es den Kinderfreibetrag für Kinder in Berufsausbildung? Die häufigsten Praxisfragen

Für Kinder, die das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, kann in der Einkommensteuererklärung der Kinderfreibetrag berücksichtigt werden, wenn sie für einen Beruf ausgebildet werden (§ 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG). Dieser Berücksichtigungstatbestand ist der wohl gebräuchlichste für volljährige Kinder. In diesem Beitrag beantworten wir die häufigsten Praxisfragen.

Wann ist ein Kind in Berufsausbildung?

Ein Kind befindet sich in Berufsausbildung, wenn es sein Berufsziel noch nicht erreicht hat, sich aber ernstlich darauf vorbereitet. Das Berufsziel wird hierbei weitestgehend von den Vorstellungen der Eltern und des Kindes bestimmt. Der Begriff der Berufsausbildung ist dementsprechend weit auszulegen. Zur Berufsausbildung zählen auch Schulausbildung und das Ablegen von Praktika, sofern dadurch Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen vermittelt werden, die als Grundlage für die Ausübung des angestrebten Berufs geeignet sind.

Eine überwiegende zeitliche Inanspruchnahme des Kindes durch die Berufsausbildung ist keine Voraussetzung. Ein Sprachunterricht von wöchentlich zehn Unterrichtsstunden zuzüglich Zeit für Vor- und Nachbereitung sowie für praktische Anwendung der Fremdsprache kann deshalb Berufsausbildung sein. Eine geringere Stundenanzahl kann im Einzelfall unschädlich sein – z.B., wenn das Kind aufgrund einer schweren Erkrankung eine Schule für Kranke lediglich wenige Stunden pro Woche besuchen kann.

Beispiele für Berufsausbildung
  • berufsbezogene Ausbildungsverhältnisse
  • Besuch von allgemeinbildenden Schulen sowie von Fach- und Hochschulen
  • Absolvierung eines Fernstudiums
  • berufsspezifisches Praktikum
  • Schulaufenthalte im Ausland
  • Vorbereitung auf die Promotion
  • berufsbegleitender Masterstudiengang
  • Offiziers- und Unteroffiziersanwärter/-in bei der Bundeswehr
  • Ausbildung oder Studium in der Finanzverwaltung

Wie sind Praktikum, Volontariat und Traineeprogramm einzuordnen?

Während eines Praktikums wird ein Kind für einen Beruf ausgebildet, sofern dadurch Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen vermittelt werden, die als Grundlagen für die Ausübung des angestrebten Berufs geeignet sind, und es sich nicht lediglich um ein gering bezahltes Arbeitsverhältnis handelt. Das Praktikum muss für das angestrebte Berufsziel förderlich sein (BFH, Urt. v. 15.07.2003 - VIII R 79/99). Es sind auch der Vervollkommnung und Abrundung von Fähigkeiten und Kenntnissen dienende Maßnahmen einzubeziehen, die außerhalb eines geregelten Bildungsganges ergriffen werden und damit über das vorgeschriebene Maß hinausgehen.

Tipp
Es ist nicht erforderlich, dass die Ausbildungsmaßnahme einem im Berufsbildungsgesetz (BBiG) geregelten fest umrissenen Bildungsgang entspricht, sie in einer Ausbildungs- oder Studienordnung vorgeschrieben ist oder auf ein deutsches Studium angerechnet wird.

Eine Tätigkeit kann für eine Dauer von bis zu drei Monaten als Praktikum berücksichtigt werden, wenn sie im Rahmen der Berufsorientierung dazu dient, Einblicke in Inhalte, Anforderungen, Strukturen und Themen des jeweiligen Berufsbildes zu vermitteln, und es sich dabei nicht lediglich um ein gering bezahltes Arbeitsverhältnis handelt.

Eine Volontärtätigkeit, die ein ausbildungswilliges Kind vor Annahme einer voll bezahlten Beschäftigung gegen geringe Entlohnung absolviert, ist berücksichtigungsfähig, wenn das Volontariat der Erlangung der angestrebten beruflichen Qualifikation dient und somit der Ausbildungscharakter im Vordergrund steht (vgl. BFH, Urt. v. 09.06.1999 - VI R 50/98). Gleiches gilt für eine Tätigkeit als Trainee.

Für eine Prägung durch Ausbildungszwecke spricht es, dass ein detaillierter Ausbildungsplan zugrunde liegt, dass die Unterweisung auf qualifizierte Tätigkeiten ausgerichtet ist, dass auf der Grundlage der Ausbildung dem Kind eine den Lebensunterhalt selbständig sichernde Berufstätigkeit ermöglicht wird und dass die Höhe des Arbeitslohns dem eines Auszubildenden vergleichbar ist.

Wann sind Sprachaufenthalte im Ausland berücksichtigungsfähig?

Sprachaufenthalte im Ausland sind regelmäßig berücksichtigungsfähig, wenn der Erwerb der Fremdsprachenkenntnisse nicht dem ausbildungswilligen Kind allein überlassen bleibt, sondern Ausbildungsinhalt und Ausbildungsziel von einer fachlich autorisierten Stelle vorgegeben werden. Davon ist ohne weiteres auszugehen, wenn der Sprachauf­enthalt mit anerkannten Formen der Berufsausbildung verbunden wird (z.B. Besuch einer allgemeinbildenden Schule, eines Colleges oder einer Universität). In allen anderen Fällen – insbesondere bei Auslandsaufenthalten im Rahmen von Au-pair-Verhältnissen – setzt die Anerkennung voraus, dass der Aufenthalt von einem theoretisch-systematischen Sprachunterricht in einer Fremdsprache begleitet wird (vgl. BFH, Urt. v. 09.06.1999 - VI R 33/98 und VI R 143/98, und BFH, Urt. v. 19.02.2002 - VIII R 83/00).

Beachte
Es kann regelmäßig eine ausreichende Ausbildung angenommen werden, wenn ein begleitender Sprachunterricht von wöchentlich zehn Unterrichtsstunden stattfindet.

Wann beginnt und wann endet die Berufsausbildung?

Um für die Vielzahl der ähnlich gelagerten Fälle eine einheitliche Regelung zu schaffen, gelten gewisse Typisierungen.

  • Schulausbildung: Eine Schulausbildung an allgemeinbildenden, berufsbildenden und beruflichen Schulen beginnt grundsätzlich am 01.08. eines jeden Jahres und endet am 31.07. eines jeden Jahres, und zwar ohne Rücksicht darauf, ob etwaige Abschlussprüfungen bereits vorher abgelegt worden sind. Länderspezifische Regelungen (wie z.B. das frühere Abitur in Rheinland-Pfalz) können jedoch zu abweichenden Beurteilungen führen.
  • Hochschulausbildung: Die Hochschulausbildung an Universitäten hingegen beginnt mit dem offiziellen Beginn des Semesters. Das Studium gilt in dem Zeitpunkt als beendet, in dem das festgestellte Gesamtergebnis dem Prüfling erstmals offiziell schriftlich mitgeteilt wird. Dies wird heutzutage i.d.R. der Tag sein, an dem die Universitäten die Prüfungsergebnisse/Abschluss­zeugnisse den Absolventen online zur Verfügung stellen.
  • Berufsausbildung: Eine betriebliche Berufsausbildung beginnt mit dem tatsächlichen Beginn (i.d.R. der Einstellungszeitpunkt) und ist abgeschlossen, wenn das Kind einen Ausbildungsstand erreicht hat, der es zur Berufsausübung nach dem angestrebten Berufsziel befähigt. In Handwerksberufen ist dies z.B. der Zeitpunkt der bestandenen Gesellenprüfung.

Werden Unterbrechungen der Berufsausbildung angerechnet?

Unterbrechungen der Berufsausbildung wegen Krankheit oder während der Schutzfristen nach § 3 Abs. 2 und § 6 Abs. 1 MuSchG sind unschädlich, solange das Kind die Berufsausbildung zum frühestmöglichen Zeitpunkt fortsetzen will. Gegebenenfalls ist die Krankheit durch die Vorlage eines ärztlichen Attests nachzuweisen. Dies gilt jedoch nur für Krankheiten mit längerer Abwesenheit, in denen das Kind auch die rechtliche Bindung an die Ausbildungsstätte verloren hat.

Wie werden Kinder in einer Übergangszeit zwischen zwei Ausbildungsabschnitten beurteilt?

Gemäß § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b EStG besteht bis zum Erreichen der Altersgrenze ebenfalls ein Anspruch auf Kindergeld, wenn das Kind sich in einer Übergangszeit von höchstens vier Monaten befindet, die zwischen zwei Ausbildungsabschnitten (oder einem vergleichbaren Sachverhalt) liegt. Begünstigt sind nach dem Gesetzeswortlaut die Übergangszeiten zwischen folgenden Abschnitten:

  • Ausbildungsabschnitt und Ausbildungsabschnitt
  • Ausbildungsabschnitt und Wehr-/Zivildienst und umgekehrt
  • Ausbildungsabschnitt und Freiwilligendienst und umgekehrt

Übergangszeiten ergeben sich durch vom Kind nicht zu vermeidende Zwangspausen, z.B. durch Rechtsvorschriften über den Ausbildungsverlauf, aus den festen Einstellungsterminen der Ausbildungsbetriebe oder den Einstellungsgewohnheiten staatlicher Ausbildungsinstitutionen. Die im Gesetz vorgeschriebene Frist von vier Monaten bezieht sich auf alle vollen Monate zwischen den zu berücksichtigenden Lebensabschnitten.

Beispiel Tim ist am 23.11.2001 geboren und beendet die Schule am 15.06.2020 mit dem Abitur. Am 09.10.2020 beginnt er, Rechtswissenschaften an der Universität in Bonn zu studieren. Die Zwischenzeit nutzt er, um verschiedene Länder zu bereisen.

Lösung: Tim ist nach § 32 Abs. 1 Nr. 1, § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG für die Monate Januar bis Juni und Oktober bis Dezember steuerlich als Kind zu berücksichtigen, da er das 18. Lebensjahr, aber noch nicht das 25. Lebensjahr vollendet hat und in diesen Zeiträumen für einen Beruf ausgebildet wird. In den Monaten Juli bis September kann eine Berücksichtigung nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b EStG erfolgen, da Tim sich in einer Übergangszeit zwischen zwei Ausbildungsabschnitten von höchstens vier Monaten befindet.

Abwandlung: Das Studium beginnt Tim erst im Dezember 2020.

Lösung: Tim ist nach § 32 Abs. 1 Nr. 1, § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG für die Monate Januar bis Mai und Dezember steuerlich als Kind zu berücksichtigen, da er das 18. Lebensjahr, aber noch nicht das 25. Lebensjahr vollendet hat und in diesen Zeiträumen für einen Beruf ausgebildet wird. In den Monaten Juni bis November kann keine Berücksichtigung nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b EStG erfolgen, da Tim sich in einer Übergangszeit zwischen zwei Ausbildungsabschnitten von mehr als vier Monaten befindet.

Wann sind Kinder ohne Ausbildungsplatz zu berücksichtigen?

Nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG ist ein noch nicht 25 Jahre altes Kind zu berücksichtigen, wenn es eine Berufsausbildung mangels Ausbildungsplatz nicht beginnen oder fortsetzen kann. Dies gilt auch dann, wenn das Kind bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung besitzt und nun einen auf einen neuen Beruf gerichteten Ausbildungswunsch hat.

Die Berücksichtigung als Kind ohne Ausbildungsplatz steht in einem engen sachlichen Zusammenhang mit dem Berücksichtigungstatbestand „Kind in einer Übergangszeit“.

Ein Mangel eines Ausbildungsplatzes liegt sowohl in Fällen vor, in denen das Kind noch keinen Ausbildungsplatz gefunden hat, als auch dann, wenn ihm ein solcher bereits zugesagt wurde, es diesen aber aus schul-, studien- oder betriebsorganisatorischen Gründen erst zu einem späteren Zeitpunkt antreten kann.

Beispiel
Die 18-jährige Stefanie beendet ihre Schulausbildung in Rheinland-Pfalz durch Ablegen des Abiturs im März 2020. Sie beabsichtigt, ab September 2020 ein Studium an der Universität zu beginnen. Der von ihr gewünschte Studiengang beginnt lediglich im Wintersemester eines jeden Jahres.

Lösung: Bis einschließlich März ist Stefanie nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG zu berücksichtigen. Da die Zeit von April bis September die Zeit von vier vollen Monaten überschreitet, kann eine Berücksichtigung als „Kind in einer Übergangszeit“ nicht erfolgen. Stefanie ist daher nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG zu berücksichtigen.

Die ernsthafte Bemühung des Kindes um einen Ausbildungsplatz zum nächstmöglichen Ausbildungsbeginn ist der Familienkasse i.d.R. durch geeignete Unterlagen nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Als Nachweis kommen hierfür insbesondere folgende Unterlagen in Betracht:

  • schriftliche Bewerbungen unmittelbar an Ausbildungsstellen sowie deren Zwischennachricht oder Ablehnung
  • die schriftliche Bewerbung bei der SfH (vormals ZVS)
  • die schriftliche Zusage einer Ausbildungsstelle
  • die Bescheinigung über die Registrierung als Bewerber für einen Ausbildungsplatz oder für eine Bildungsmaßnahme bei einer Agentur für Arbeit oder bei einem anderen zuständigen Leistungsträger (Arbeitsgemeinschaft/Kommune)
  • die von der Agentur für Arbeit für den Rentenversicherungsträger erstellte Bescheinigung über Anrechnungszeiten der Ausbildungssuche i.S.d. § 58 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3a SGB VI; wird die Bescheinigung pauschal bis zum 30.09. eines Jahres ausgestellt, gilt sie grundsätzlich nur für drei Monate ab dem Tag der Anmeldung bei der Berufsberatung als Nachweis für das ernsthafte Bemühen des Kindes um einen Ausbildungsplatz

Beachte
Das Kind ist ab dem Monat der ersten Bewerbung zu berücksichtigen. Für Schulabgänger ist es insofern wichtig, dass spätestens in dem Monat nach der Beendigung der Schulausbildung die ersten Bewerbungen (wenn nicht schon vorher geschehen) versandt werden, da sonst eine Anspruchslücke entstehen kann, die vermeidbar gewesen wäre.

Häufig fordern Familienkassen zur Glaubhaftmachung der ernsthaften Ausbildungssuche wiederholt Unterlagen an (z.B. mindestens eine Bewerbung im Monat). Solange das Kind jedoch noch mindestens eine laufende Bewerbung nachweisen kann, gibt es keine Pflicht, eine „Mindestanzahl“ an Bewerbungen zu versenden. Nach Ablauf von drei Monaten ohne Rückmeldung ist jedoch davon auszugehen, dass die betreffende Bewerbung erfolglos geblieben ist, und es bedarf neuer Bemühungen des Kindes um einen Ausbildungsplatz.

Der Ausbildungswunsch des Kindes muss sich darüber hinaus mit seinem Bildungsniveau decken. Ist z.B. ein Ausbildungsplatz nur für Abiturienten ausgeschrieben, führt die Bewerbung eines Kindes mit Haupt- bzw. Realschulabschluss nicht zu einer Berücksichtigung, da es sich in diesem Fall nicht um ernsthafte Bemühungen um einen Ausbildungsplatz handelt.

Wie wird eine Erkrankung/Mutterschutz gewertet?

Ein Kind kann auch nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG berücksichtigt werden, wenn es wegen einer Erkrankung oder eines Beschäftigungsverbots nach dem MuSchG daran gehindert ist, eine Ausbildung zu beginnen oder fortzusetzen.

Der Wille, die Ausbildung zum nächstmöglichen Zeitpunkt zu beginnen oder fortzusetzen, muss glaubhaft gemacht werden.

Porträt von Michael Puke

Michael Puke

Dipl.-Fw. Michael Puke ist Geschäftsführer des Studienwerks der Steuerberater in NRW e.V. und selbstständiger Steuerberater sowie Autor von Steuerfachliteratur. Unter anderem bearbeitet Herr Puke seit vielen Jahren einen bekannten Steuerratgeber und Bücher zur Prüfungsvorbereitung für Steuerfachangestellte.