Auslandsdienstreisen: Wann ist eine A1-Bescheinigung erforderlich?

Jeder Erwerbstätige innerhalb der EU, der weiteren EWR-Staaten Island, Liechtenstein und Norwegen sowie in der Schweiz muss in nur einem Staat sozial abgesichert sein. Grundsätzlich ist dies der Staat, in dem die Erwerbstätigkeit ausgeübt wird. Zur Vermeidung von Doppelversicherungen ist bei vorübergehenden Auslandseinsätzen ein Nachweis zur bestehenden sozialen Absicherung – die sogenannte A1-Bescheinigung – vorgesehen. Wir erläutern in diesem Beitrag, wann genau sie erforderlich ist.

Bescheinigung für Ausnahme vom Beschäftigungsstaatsprinzip

Eine Person, die in einem Mitgliedstaat eine Beschäftigung ausübt, ist in diesem grundsätzlich sozialversicherungspflichtig. Sind Arbeitnehmer/-innen oder Selbständige in der EU/EWR/Schweiz grenzüberschreitend tätig, könnten sich daher stets An- und Abmeldungen aus dem Sozialversicherungssystem des jeweiligen Beschäftigungslandes ergeben.

Zum Nachweis, dass ausnahmsweise nicht das Beschäftigungsstaatsprinzip gilt, sondern ein anderer Mitgliedstaat für den Bereich der sozialen Sicherheit zuständig ist, dient die sogenannte Bescheinigung A1. Sie ist grundsätzlich („wann immer möglich“) bei jeder Erwerbstätigkeit im EU-Ausland, den EWR-Staaten Island, Liechtenstein und Norwegen sowie der Schweiz vor Beginn der Tätigkeit (bei der jeweiligen Krankenkasse) zu beantragen und kann bei Kontrollen von den zuständigen Behörden verlangt werden.

Wann die Bescheinigung für Geschäftsreisen beantragt wird

Eine Bescheinigung A1 wird für jede Entsendung einzeln beantragt und ausgestellt. Eine Bescheinigung A1 für eine Mehrfachbeschäftigung (zeitgleich in mehreren Ländern) kann hingegen auch für einen längeren Zeitraum gelten. Eine solche Mehrfachbeschäftigung kann z.B. auch schon bei regelmäßigen Geschäftsreisen in konkrete andere EU-Mitgliedstaaten, andere EWR-Staaten oder die Schweiz vorliegen.

Auskunft zu den Einzelheiten erteilt die Deutsche Verbindungsstelle Krankenversicherung – Ausland (DVKA). Grundsätzlich ist eine Bescheinigung A1 bei dem zuständigen Träger im Voraus zu beantragen.

Beachte
Die Bescheinigung kann auch noch nachträglich erteilt werden. Bei nicht-regelmäßigen, kurzfristig anberaumten und/oder kurzzeitigen Geschäftsreisen und bei anderen sehr kurzen Entsendezeiträumen bis zu einer Woche kann es daher zweckmäßig sein, auf einen Antrag auf Ausstellung der Bescheinigung A1 zu verzichten.

A1-Bescheinigung gilt rückwirkend

Der EuGH hat bestätigt, dass eine A1-Bescheinigung – auch wenn sie besser vor Beginn des betreffenden Zeitraums beantragt werden sollte – während der Entsendung/Dienstreise und sogar nach deren Ablauf ausgestellt werden kann und ggf. Rückwirkung entfaltet (Rs. C-178/97 „Banks“, Rdnr. 49-57, zuletzt bestätigt in Rs. C-527/16 „Alpenrind“, Rdnr. 70-72). Die Krankenkassen können die A1-Bescheinigung also nachträglich und rückwirkend ausstellen, ohne dass hierfür eine zeitliche Grenzebestimmt ist.

Auf Grundlage des europäischen Rechts kann demnach nichtvon einer „Mitführungspflicht“ der Bescheinigung A1 gesprochen werden. Diese wäre mitder Dienstleistungsfreiheit und der Arbeitnehmer-Freizügigkeit kaum vereinbar.

Tipp
Einige EU-Mitglied­staaten – insbesondere Frankreich und Österreich – haben ihre nationalen Vorschriften zur Bekämpfung von Sozialdumping und Schwarzarbeit in letzter Zeit verschärft und schreiben die Beantragung einer Bescheinigung A1 vor Beginn einer Tätigkeit in diesen Ländern zwingend vor. Soweit eine Pflicht zur Beantragung einer Bescheinigung A1 nach nationalem Recht im Zielstaat besteht, kann der Verzicht auf die vorherige Antragstellung auch in Ausnahmefällen nicht empfohlen werden.

So werden Bescheinigungen beantragt

Seit dem 01.07.2019 sind Anträge auf Ausstellung einer A1-Bescheinigung für einen entsandten Arbeitnehmer vom Arbeitgeber ausschließlich elektronisch zu übermitteln. Diese Anträge sind an die jeweils zuständige Stelle (gesetzliche Krankenkasse, Rentenversicherungsträger, Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungseinrichtungen) zu senden.

Für die Antragstellung stehen zwei Wege zur Verfügung:

  1. Antragstellung mittels systemgeprüfter Abrechnungsprogramme: Wenn Arbeitgeber ein systemgeprüftes Abrechnungsprogramm einsetzen und ihr Softwarehersteller die oben beschriebene Übermittlungsmöglichkeit bereits implementiert hat, können sie den Antrag auf Ausstellung einer A1-Bescheinigung für entsandte Arbeitnehmer hierüber direkt online stellen.
  2. Antragstellung mittels einer maschinellen Ausfüllhilfe: Statt eines systemgeprüften Abrechnungsprogramms kann für die Beantragung der Ausstellung einer A1-Bescheinigung eine maschinelle Ausfüllhilfe der Informationstechnischen Servicestelle der Gesetzlichen Krankenversicherung GmbH (ITSG) unter www.itsg.de/oeffentliche-services/sv-netgenutzt werden.
Download
Für Selbständige ist ein elektronisches Antragsverfahren noch nicht vorgesehen. Für diese Fälle stehen entsprechende Fragebögen auf der Internetseite der DVKA unter www.dvka.de bereit.
Porträt von Michael Puke

Michael Puke

Dipl.-Fw. Michael Puke ist Geschäftsführer des Studienwerks der Steuerberater in NRW e.V. und selbstständiger Steuerberater sowie Autor von Steuerfachliteratur. Unter anderem bearbeitet Herr Puke seit vielen Jahren einen bekannten Steuerratgeber und Bücher zur Prüfungsvorbereitung für Steuerfachangestellte.